KOUZ erreicht: Examen bestanden

Bei sonnigem, aber noch winterlichem Wetter fand am 27.02.2016 die offizielle Entlassungsfeier des Kurses 09/14 in Stade statt. Der Festmorgen wurde eröffnet durch den schon traditionellen Gottesdienst zum Ende des Referendariats in der Wilhadi-Kirche und fand seinen Höhepunkt in der Zeugnisausgabe in der Aula des altehrwürdigen Gymnasiums Athenaeum Stade. 

Unter dem Motto "Frei wie ein Vogel" feierten die rund 80 Gottesdienstteilnehmer, darunter zahlreiche Absolventen und Absolventinnen des Examenskurses und ihre Familien, in der Stader St. Wilhadi-Kirche einen heiter-besinnlichen Dankgottesdienst, in welchem das Spannungsverhältnis zwischen menschlicher bzw. christlicher Freiheit und den Zwängen des Alltags bedacht wurde. Im Mittelpunkt stand eine szenische Lesung aus Martin Luthers Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen", in der paradox formuliert wird, dass ein Christ ein freier Herr und zugleich dienstbarer Knecht sei. In dieser Ambivalenz finde sich, so der Tenor der Ansprache von Superintendent Dr. Kück auch der Unterrichtende wieder, der einerseits in großer pädagogischer Freiheit handeln dürfe, gleichzeitig aber den erheblichen Sachzwängen des Schulalltags unterliege. Die musikalische Begleitung an Orgel und Klavier wurde von dem frisch examinierten Studienassessor Gregor Wessel bravourös geleistet. 

Dem Primat der Didaktik folgend wurde die Aussageabsicht des Gottesdienstes methodisch geschickt und innovativ veranschaulicht durch blaue Luftballons, die an Bändern gehalten und dennoch dem Freiheitsdrang gehorchend nach oben strebten, aber eben aus eigener Kraft auch nicht davonfliegen konnten. An ihnen wurden die während des Gottesdienstes gesprochenen Fürbittengebete befestigt und symbolisch zum Abschluss des Gottesdienstes vor der Kirche gen Himmel aufsteigen gelassen. 

  • freivogel2
  • freivogel1

Im anschließenden Festakt in der Aula des Atheaeums wurden vor der Aushändigung der begehrten Examenszeugnisse verschiedene Reden vorgetragen, in denen den Absolventen zur Erreichung des "KOUZ" (=kompetenzorientiertes Unterrichtsziel) gratuliert wurde. Nach der Danksagung an alle, die am Erfolg des Examenskurses mitgewirkt haben (Eltern, Partner, Ausbilder, Bürokräfte, Schulleitungen und Ausbildungslehrer) nahm Herr OStD Amthor als frisch ernannter Seminarleiter die Gelegenheit wahr, die besondere Qualität der Stader Absolventen noch einmal herauszustellen. Diese zeige sich u.a. in der sehr hohen Vermittlungsrate und dem allgemein guten und sehr guten Eindruck, den die Stader bei ihren Bewerbungsgesprächen auch in anderen Regionen und Bundesländern offenbar häufig machen. Unter Bezugnahme auf eine Rede des verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs forderte Herr Amthor die Zuhörer auf, sich in schwierigen Zeiten und in beruflichen Entscheidungssituationen auch auf ihr oft untrügliches Gefühl zu verlassen. Herr StR ergänzte aus Sicht der Absolventen, dass die Schule ein Ort auch des politischen Lernens sei und führte aus, welche Vorbilder ihm wichtig seien, um Kritik- und Urteilsfähigkeit in der Schule zu schulen. 

  • wehner
  • plenum
  • kurs09-14
  • hofacker
  • blumen
  • amthor

Die Rede der Ausbilder übernahm in diesem Jahr Frau StR' Hofacker, Leiterin eines pädagogischen Seminars. Im Folgenden können Sie den Wortlaut der Reden im Original nachlesen. Zunächst die Rede von Frau Hofacker. 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste, vor allem aber: liebe frisch examinierte Absolventinnen und Absolventen!
Sie haben es geschafft! Sie haben die Staatsprüfung bestanden. Sie sind nun Studienrätinnen und Studienräte. Dazu gratuliere ich Ihnen und Ihren Familien und Freunden im Namen aller Ausbilderinnen und Ausbilder. Seien Sie stolz auf sich! 
 
Ich möchte Ihnen ein Zitat vorlesen, das, wie ich finde, gut zu diesem Anlass passt. Etwa 400 n. Chr. bekundete der Philosoph Augustinus in seinen „Bekenntnissen“: „Die Menschen reisen in fremde Länder und staunen über die Höhe der Berge, die Gewalt der Meereswellen, die Länge der Flüsse, die Weite des Ozeans, das Wandern der Sterne; aber sie gehen ohne Staunen aneinander vorüber.“
 
Keine Sorge, ich werde jetzt nicht die folgenden 1616 Jahre aufarbeiten. Ich habe didaktisch reduziert und gehe nur 18 Monaten zurück, als nämlich auch Sie vor  erstaunlich hohen Bergen standen. So galt es eine scheinbar unmöglich hohe Anzahl an Ubs, Brbs und GUbs zu bewerkstelligen. Bei Ihren Planungen mögen Sie von Zeit zu Zeit auch durch tiefe Täler gewandert sein. Hin und wieder dürften Sie sich gefühlt haben, als peitschte die Gewalt der Meereswellen Sie hin und her. Etwa bei der Durchführung Ihrer Konzepte. Das Entwickeln einer Stundenfrage im Einstieg, die geschickte Impulsgebung oder das Erreichen des KOUZ schienen wie meterhohe Wellen, die Ihnen öfter mal den Atem nahmen. Als ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer dürfen Sie nun den „härtesten Job der Welt“ ausüben. So lautet der reißerische Titel eines Heftes des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Sie haben also den risikoreichen Weg aufs offene Meer gewagt. Sie haben den Gefahren getrotzt. Sie haben sich Ihren Ängsten vor der Weite des „Aufgaben-Ozeans“ gestellt. Die riesigen Wellen des Meeres sind heute bezwungen. Sie können im Hafen liegen und den Blick ganz auf sich richten. Staunen Sie darüber, was Sie geschafft haben. Wenigstens für einen kurzen Moment.
 
Die Erinnerung an Ihr Wagnis, den Trip durchs offene Meer wird bleiben. Das Nacherleben einzelner Szenen wird dabei mit dem Gefühl von Beglückung oder Niedergeschlagenheit verbunden sein, je nachdem, in welchem Maße sich Unterrichtsqualität gezeigt und wie gut der Austausch über die verschiedenen Eindrücke darüber gelungen ist. 
 
Schaarschmidt beschreibt unter der Überschrift „Psychische Stabilität“ Merkmale der Eignung für den Lehrberuf. Wesentliche Bestandteile des gelingenden und gesunden Lehrerdaseins seien, so Schaarschmidt, die „Fähigkeit zur offenen Misserfolgsverarbeitung“ und die „Stabilität bei emotionalen Belastungen“. An dieser Stelle erlaube ich mir deshalb folgende Anmerkung: Das Beratungsgespräch ist vieles und soll viel leisten. Es ist vor allem jedoch eines, ein Gespräch. Ein Gespräch, das vor allem zum Ziel hat, Sie für das Schönste zu rüsten, das unser Beruf zu bieten hat: Das Abenteuer Bildung. Die Bildung von jungen Menschen.
 
Wählen Sie dazu eine Pädagogik, die das Wahre, Gute und Schöne lehrt, die die Gabe fördert, das Gute zu erkennen, sich damit auseinanderzusetzen und auch Gutes hervorzubringen. Wählen Sie eine Pädagogik, die dazu beiträgt, junge Menschen mit Rückgrat auszubilden. Junge Menschen, die Vertrauen in ihre Fähigkeiten haben, die zuversichtlich und mutig sind, aktiv an der Welt der Ideen teilzunehmen und sie mitzugestalten.  
 
„Mag sein, dass die Welt von morgen untergeht“, schrieb Dietrich Bonhoeffer 1942, „doch erst dann wollen wir die Arbeit für eine bessere Welt niederlegen, vorher nicht.“
Wagen Sie dieses Abenteuer, für eine bessere Welt zu kämpfen, gerade in diesen Zeiten, auch wenn Sie an sich zweifeln und bangen.
 
Wenn wir zurückschauen, war 2015 ein Jahr der Angst. Angst vor Terrorismus, vor der Einwanderung, der Euro-Krise und vor Russland. DIE ZEIT plädierte in diesem Zusammenhang im Dezember letzten Jahres für mehr Optimismus. Das gefällt mir, und ich stimme zu, wenn es heißt, „die Erfahrung lehrt, dass man mit Optimismus besser fährt.“ US-Präsident Franklin D. Roosevelt war so ein Optimist. Bei seiner Amtseinführung am 4. März 1933 machte ihn der Satz: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst“, weltberühmt. Angst lähmt. Sie macht nicht tiefsinnig, sondern tatenlos. Angst ist eine antisoziale Kraft, so DIE ZEIT. Freud spricht im Kontext der Angst sogar vom „Killervirus der menschlichen Gemeinschaft“. Roosevelts Reden hingegen waren getragen von einem Grundvertrauen in die menschliche Intelligenz und Vitalität. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass am Ende die gute Sache siegen würde. 
 
Meine Heimat ist Prag. Und obwohl ich noch nicht geboren war, bin ich ein Kind des Prager Frühlings. Als 1968 sowjetische Panzer den Aufstand unterdrückt haben, haben meine Eltern gezweifelt, gebangt, aber vor allem auch mutig gekämpft. Ihre Revolution ist gescheitert, ihre Zuversicht ist geblieben, auch außerhalb der Heimat. Diese Zuversicht hat mich geprägt, insbesondere als 1989 mein Land mit einer „sanften Revolution“ von der Bevormundung befreit wurde.
 
Damit Sie mich nicht falsch verstehen. Optimismus darf nicht mit Naivität verwechselt werden. Optimismus ist auch nicht einfach eine Frage des persönlichen Naturells. Sicherlich gibt es wohlmeinende Idealisten, die großen Schaden angerichtet haben. Dies geschieht aber nur dann, wenn Optimismus als gute Laune oder grenzenlose Euphorie verstanden, abgetan oder gelebt wird. Optimistisch zu sein, bedeutet nicht, nicht hinterfragen oder zweifeln zu dürfen. Ein Optimismus, der von einem klaren, kritischen Blick begleitet wird, ist durchaus gesund. Er schafft Selbstvertrauen und weist einen Weg, auf dem die Welt oder die Sache von der besten Seite betrachtet wird. Dem Optimismus wohnen die Hoffnung, das Vertrauen und der Glaube inne. Und was kann falsch sein am Glauben an das Gute oder an ein gutes Ende. Ein klarer, kritischer Blick ist bei allem Optimismus unerlässlich, ja, unbedingt notwendig. Das ist aber dennoch etwas vollkommen anderes als die Angst. Angst sollten Sie keine haben, Furcht dürfen Sie schon haben. So steckt in dem Begriff „Furcht“ wohl auch immer ein bisschen „Ehrfurcht“. Und die dürfen Sie vor Ihren zukünftigen Aufgaben durchaus haben.
 
Sie haben es geschafft. Sie haben Ihr Examen bestanden. Warum also warne ich Sie hier heute vor der Angst? Appelliere an Ihren Optimismus? Trotz Verbeamtung, umfassender Heilfürsorge und sicherer Altersvorsorge ist unser Beruf ein Wagnis. Jeden Tag ein neues Abenteuer.
 
Wagen Sie den Widerspruch, dulden Sie ihn und nehmen Sie die vielen Möglichkeiten wahr, ihn auch zu fordern und zu fördern. Wer denkt, macht zwangsläufig die Erfahrung, dass außer Klugem und Richtigem auch Ungereimtes und Falsches ihn umgibt. Das nicht hinzunehmen, kann anstrengend sein. Doch scheuen Sie diese Anstrengung nicht. Glauben Sie an sich und Ihr Gespür für das Potenzial Ihrer Schülerinnen und Schüler. Bringen Sie dieses Potenzial gemeinsam mit Ihren Schülerinnen und Schülern hervor und haben Sie Freude bei dem, was Sie tun. Geben Sie Freude und den Glauben an die gute Sache weiter. Statten Sie junge Menschen mit Kompetenzen, Meinungen und Erfahrungen aus, die für eine bessere oder noch bessere Welt notwendig sind. 
 
„In der Welt muss man selber nach dem Rechten sehen, als einem Erwartenden und Betreibbaren“, schreibt Ernst Bloch 1970 in seiner Tübinger Einleitung in die Philosophie. 
 
Geben Sie Ihren Schülerinnen und Schülern Zuversicht in ihr Rüstzeug, um selbst nach dem Rechten zu sehen, um klar, stark und tatkräftig an der Welt der Ideen teilzunehmen und sie verantwortungsvoll mitzugestalten. Bleiben Sie dabei kritisch, aber seien Sie auch mutig und optimistisch. 
 
Im Namen des Seminarkollegiums gratuliere ich Ihnen zum bestandenen Examen und hoffe auf Ihre Lebensfreude und Zuversicht, die wir alle brauchen – nicht nur in Krisenzeiten!
 
Weitere Reden finden Sie hier zum Download: 

 

Zusätzliche Informationen