40 Jahre Studienseminar (1975-2015)

Bei sommerlichen Temperaturen wurde im Rahmen der Examensfeier des Kurses 02/14 am 18.07.2015 im Stader Königsmarcksaal des 40-jährigen Bestehens unseres Seminars gedacht. Mehrere Festredner brachten Besinnliches, Erheiterndes und Geistreiches zu Gehör. Für die musikalische Untermalung sorgte wie immer der Fachbereich Musik unter Leitung von StD Frank Münter, für das Catering war traditionell der nachfolgende Examenskurs, und zwar der Kurs 09/14 zuständig. 

Den Auftakt des Festtages bildete auch schon fast traditionell der Gottesdienst zum Ende des Referendariats, der in diesem Durchgang von Superintendent Dr. Kück sowie wie immer von den Angehörigen des Fachseminars Ev. Religion vorbereitet und durchgeführt wurde. Die etwa 90 Gottesdienstbesucher wurden in der Stader St. Cosmae-Kirche unter der Überschrift "Leinen los" auf eine gedachte Seereise mitgenommen. In der Predigt wurden anhand des Symbols "Schiff" Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der rauen See der Lehrerausbildung und den zahlreichen Prüfungen im Leben eines Gläubigen thematisiert. Am Ende einer Ausbildung stehe zwangsläufig eine Note, Gott hingegen, der die Menschen uneingeschränkt liebe, gebe keine Zensuren, sondern halte uns fest in seinen Händen - auch in unserem Versagen und Scheitern. Der Geschenkcharakter von Gottes Zuwendung fand zuletzt in Form einer großzügigen Bibelspende der Stader Bibelgesellschaft an das Seminar einen auch ganz handfest-symbolischen Ausdruck. So hat nun das "Buch der Bücher" nach vierzigjährigem Bestehen des Seminars unter dem Beifall der Gottesdienstbesucher endlich Einzug in unsere Seminarbibliothek gehalten und steht demnächst für die individuelle Lektüre oder die Bibelarbeit im Fachseminar in Kursstärke zur Verfügung. 

Die anschließenden Feierlichkeiten im Königsmarcksaal des pitoresken Stader Rathauses standen zunächst vor allem im Zeichen der Erinnerung an unsere verstorbene langjährige Seminarleiterin Frau Hartge. Musikalisch begleitet von den Mitgliedern des Fachseminars Musik führte StD Ulrich Amthor durch den stimmungsvollen Vormittag. Das Grußwort der Schulleiter und Schulleiterinnen sprach Frau Gesamtschuldirektorin Doris Löhrer-Vogt von der Elbmarschenschule Drochtersen, die erstmals als jüngste Ausbildungsschule des Seminars eigene Absolventen und Absolventinnen beglückwünschen durfte.

Im Anschluss betonte der Erste Kreisrat Dr. Eckart Lantz die Entschlossenheit der Bildungsregion Stade, die gut ausgebildeten jungen Assessoren und Assessorinnen trotz aktuell widriger Umstände und mangelnder Stellen für Gymnasiallehrkräfte in der Region halten zu wollen oder eines Tages zurückzugewinnen. Als Zeichen der Wertschätzung für die am Studienseminar geleistete Arbeit prämierte Herr Ahrens von der Kreissparkasse Stade im Namen der Stiftung Bildungsregion einen der Jahrgangsbesten, Herrn StR Thomas Kotte vom Athenaeum Stade für sein als überragend eingestuftes, experimentelle Lehrmethoden einbeziehendes Unterrichtsvorhaben zum interreligiösen Dialog mit jüdischen Schülerinnen und Schülern eines Berliner Gymnasiums. Die Laudatio für Herrn Kotte hielt sein Ausbilder Herr StD Christoph Behrends. Herr Kotte habe mit seinem Unterrichtsvorhaben nicht nur die Möglichkeiten modernen Unterrichts im Zeitalter digitaler Kommunikationsmedien optimal ausgeschöpft, sondern im Sinne interreligiöser Verständigung dazu beigetragen, die Sprachlosigkeit auf beiden Seiten zu überwinden und ein vertieftes Verständnis für das Judentum in Deutschland zu wecken. 

Herr StD Dr. Johannes Heinßen ließ in seiner Festrede der Ausbilder 40 Jahre Seminargeschichte Revue passieren und warb für die sozial-integrative Kraft des Gymnasiums, welches in Vergangenheit und Gegenwart mit seinem Fokus auf Leistungsbereitschaft Menschen aller Schichten erreicht und gefördert habe. Dieses Erfolgsmodell gelte es weiterhin offensiv zu vertreten und nicht dem Zeitgeist zu opfern. In Gegenwart des Gründungsseminarleiters OStD i.R. Elmar Drossmann und weiterer ehemaliger und z.T. bereits pensionierter Ausbilder zeichnete Heinßen nach, wie sehr die Gründung des Seminars eine logische Konsequenz des wirtschaftlichen Aufschwungs der Region nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sei, um den Wohlstand durch Bildung zu vertiefen und zu festigen. Gleichzeitig aber sei im Gründungsjahr 1975 das Humboldtsche Bildungsideal längst in eine nur am wirtschaftlichen Nutzen ausgerichtete Bildungsexpansion umgeschlagen. Das "Denken in großen Linien" abseits von kurzfristigen Verwertbarkeitskalkülen sei hingegen erst mühsam wieder zu erlernen und bleibe der Auftrag gymnasialer Bildung.

Die Rede der Auszubildenden hielt Herr StRef Fabian Wehner, der unter Rückgriff auf Fontanes Roman "Der Stechlin" ebenfalls den eigentlichen Kern des festlichen Anlasses freizulegen versuchte. Nicht Examina, Abschlüsse, "Grammatik" und andere Formalitäten seien als solche "das Höhere", das es zu feiern gelte, sondern die grundsätzliche Bereitschaft zum Fragen, in der sich wahre Bildung ausdrücke. Allerdings könne sich das "Höhere" durchaus auch in die Äußerlichkeiten formaler Bildung "verkleiden", wenn diese auf die innere Fragehaltung hin orientiert blieben. Den frisch Examinierten gratulierte Herr Wehner von Herzen und wünschte ihnen für ihre frisch (wieder-)gewonnene Freiheit alles Gute.   

Zum Abschluss bedankten sich Frau StR' Schmidt und Herr StR Borchert im Namen des Examenskurses bei den Angehörigen, Partnern und Ausbildern für die Unterstützung während der keineswegs einfachen Ausbildungszeit. Zur Erheiterung der etwa 120 anwesenden Gäste erläuterten die beiden Redner in Form eines Sprachkurses "Seminarisch" die wichtigsten Begriffe und Akronyme der Referendarsausbildung, wie etwa BrB, GUB, KOUZ (seltener: KOZ) oder auch "didaktische Progression" und "Lebensweltbezug". 

Den Höhepunkt der Feierlichkeiten bildete naturgemäß die Zeugnisausgabe an den erneut erfolgreichsten Examenskurs seit Bestehen des Seminars (Durchschnittsnote 2,1). Mit etwas Bitterkeit und Zorn vermerkte jedoch Herr Amthor, dass viele dieser begabten Lehrkräfte infolge der gegenwärtigen niedersächsischen Kultuspolitik in benachbarte Bundesländer abwandern müssten und für niedersächsische Schulen oft unwiederbringlich verloren seien. Der Chor von Herrn Münter drückte dann mit dem Lied "Leaving On A Jetplane" von John Denver die melancholisch-gespannte Abschiedsstimmung aus, die die meisten Absolventen und Ausbilder empfunden haben dürften. Spätestens beim Sektempfang und dem Gruppenbild im Sonnenschein der Stader Altstadt dürften die schwermütigen Gedanken dann aber doch verflogen sein. 

  • examen8
  • examen7
  • examen5
  • examen4
  • examen3
  • examen2
  • examen1
  • examen 6

 

Zusätzliche Informationen